Kefir oder Joghurt? Der ehrliche Unterschied

Von Alessandro Parini · · 5 Min. Lesezeit

Milchkefir und Joghurt nebeneinander im Glas auf hellem Holztisch

Im Kühlregal stehen sie nebeneinander und sehen sich zum Verwechseln ähnlich: Kefir und Joghurt. Beide sind fermentierte Milchprodukte, beide sind säuerlich, beide leben von Kulturen. Und trotzdem trennen sie Welten, vor allem bei dem, was man nicht sieht: bei den Mikroorganismen und bei der Art, wie fermentiert wird. Hier kommt der ehrliche Vergleich, ohne Marketing.

Wie beide entstehen: der eigentliche Unterschied

Der ganze Unterschied beginnt bei zwei Dingen: bei der Kultur und bei der Temperatur, mit der fermentiert wird.

Joghurt entsteht mit einer Handvoll gezielt ausgewählter Milchsäurebakterien, im Kern zwei definierten Stämmen: Lactobacillus delbrueckii und Streptococcus thermophilus[2]. Das sind wärmeliebende, sogenannte thermophile Bakterien. Damit sie zuverlässig arbeiten, muss die Milch warmgehalten werden, laut Swissmilk bei möglichst konstanten 42 bis 45 Grad über mehrere Stunden[3]. Ohne Joghurtbereiter, warmen Backofen oder Thermoskanne wird ein Joghurt zu Hause selten richtig fest. Es ist eine präzise, gesteuerte Fermentation mit wenigen Stämmen bei viel Wärme.

Kefir entsteht ganz anders. Statt einer Handvoll Bakterien arbeitet hier eine lebendige Symbiose aus vielen verschiedenen Bakterien und Hefen, zusammengehalten in den gallertartigen Kefirknollen[1]. Und diese Gemeinschaft mag es kühler: Kefir fermentiert bei ganz normaler Zimmertemperatur, etwa 20 bis 25 Grad, ganz ohne Gerät[4]. Du stellst das Glas einfach auf die Arbeitsfläche und wartest. Genau die Hefen, die dem Joghurt komplett fehlen, sind der zweite grosse Unterschied: Sie erzeugen beim Fermentieren etwas Kohlensäure, das leichte Prickeln und Spuren von Alkohol[4].

Man könnte sagen: Joghurt ist ein präzises Duett aus zwei Stimmen bei viel Wärme, Kefir ein ganzes Orchester bei Zimmertemperatur. Beide klingen gut, aber sie klingen eben unterschiedlich.

Der grosse Unterschied: Kulturenvielfalt

Hier liegt der Kern. Lebendige Milchkefirknollen tragen je nach Herkunft rund 30 bis 50 verschiedene Bakterien und Hefen in sich. Ein klassischer Joghurt wird laut Lebensmittelstandard dagegen mit nur zwei definierten Kulturen hergestellt, Lactobacillus delbrueckii und Streptococcus thermophilus[2]. Diese Vielfalt ist kein Marketing, sondern der biologische Unterschied zwischen einem standardisierten Produkt und einer lebendigen Kultur. Und weil die Kefir-Gemeinschaft neben Milchsäurebakterien auch Hefen und sogar Essigsäurebakterien enthält[4], passiert im Glas schlicht mehr als bei einem reinen Bakterien-Joghurt.

Was Kefirknollen genau sind und wie diese Symbiose funktioniert, erklärt unser Überblick Was ist Kefir?.

Geschmack, Konsistenz und Kohlensäure

Joghurt ist fest, cremig, löffelbar und mild. Kefir ist dünnflüssiger, eher ein Trinkkefir, frischer und durch die Hefen leicht spritzig, mit einer feinen, lebendigen Säure. Dieses Prickeln kennt Joghurt gar nicht, es kommt von der Kohlensäure, welche die Hefen beim Fermentieren bilden[4].

Der grosse Vorteil von selbstgemachtem Kefir: Du steuerst ihn selbst. Über die Gärzeit bestimmst du, wie mild oder kräftig er wird. Kurz vergoren bleibt er sanft und flüssig, länger vergoren wird er säuerlicher und dicker. Und mit einer zweiten Fermentation holst du zusätzliches Aroma und noch etwas mehr Kohlensäure heraus. Diese Kontrolle hast du beim fertig gekauften Becher nie. Wie das Schritt für Schritt geht, zeigt die Anleitung zum Milchkefir selber machen.

Laktose: ein Unterschied im Detail

Ein Punkt, bei dem viel durcheinandergeht. Bei beiden Produkten bauen die Kulturen während der Fermentation einen Teil des Milchzuckers (Laktose) ab. Bei Kefir übernehmen das sowohl Bakterien als auch die laktoseverwertenden Hefen, sodass fertiger Kefir laktoseärmer ist als die Frischmilch, aus der er entsteht[1].

Wichtig und ehrlich: Laktosefrei ist selbstgemachter Milchkefir dadurch nicht, und Joghurt genauso wenig. Es bleibt immer Restlaktose enthalten. Wer empfindlich reagiert, findet die ausführliche Einordnung im Beitrag Kefir bei Laktoseintoleranz. Nur echter Wasserkefir ist von Natur aus laktosefrei, weil er gar keine Milch enthält, das ist aber eine ganz andere Kultur.

Und der Kefir aus dem Supermarkt?

Kurz zur häufigsten Folgefrage: Industrieller Kefir wird meist nicht mit echten Knollen hergestellt, sondern mit standardisierten Starterkulturen, und ist dadurch milder und gleichbleibender. Dass er deshalb «tot» sei, stimmt aber nicht pauschal, viele Becher enthalten sehr wohl lebende Kulturen. Den ganzen Faktencheck dazu, inklusive Etikett-Tipps, findest du im Beitrag Ist Supermarkt-Kefir echter Kefir?.

Wann sich welches lohnt

Es ist keine Frage von richtig oder falsch, sondern von Situation und Charakter.

Zum Joghurt greifst du, wenn du es fest und löffelbar magst, wenn du eine milde, gleichbleibende Basis fürs Müesli, zum Backen oder für Saucen brauchst und wenn du dich nicht ums Kultivieren kümmern willst. Der Becher aus dem Laden ist praktisch, verlässlich und schmeckt immer gleich.

Zum Kefir greifst du, wenn du ein frisches, spritziges Getränk zum Trinken suchst, wenn dich die grosse Kulturenvielfalt reizt und wenn du gern selbst Hand anlegst. Der eigentliche Charme kommt nämlich mit eigenen Knollen: Nach dem einmaligen Kauf kostet dich ein Liter nur noch ein paar Rappen Milch, die Knollen wachsen immer weiter, und du hast praktisch unbegrenzt Nachschub. Ein kleiner Realitätscheck aus der Praxis: Kefir lebt und schwankt ein wenig mit, mal etwas dicker, mal dünner, im Sommer schneller als im Winter. Genau das ist der Reiz einer lebendigen Kultur auf der Arbeitsfläche statt eines industriell standardisierten Bechers.

Kefir oder Joghurt: das Fazit

Joghurt ist gut, fest und mild, ein verlässlicher Klassiker aus zwei wärmeliebenden Bakterien. Kefir ist lebendiger, vielfältiger und spritziger, ein ganzes Orchester aus Bakterien und Hefen bei Zimmertemperatur, und mit eigenen Knollen kostet er nach dem einmaligen Kauf nur noch wenige Rappen Milch pro Liter. Wer die volle Kulturenvielfalt und den frischen, prickelnden Geschmack will, den führt der Weg über lebendige Kefirknollen und einen eigenen Ansatz. Wie das geht, zeigt unsere Anleitung zum Milchkefir selber machen.

Quellen

  1. Milk kefir: nutritional, microbiological and health benefits (Kulturenvielfalt, Hefen, Laktoseabbau, Alkohol) – Nutrition Research Reviews, Cambridge University Press — https://www.cambridge.org/core/journals/nutrition-research-reviews/article/milk-kefir-nutritional-microbiological-and-health-benefits/1393DC2B8E5F08B0BE7BD58F030D387B
  2. Codex Alimentarius CXS 243-2003 – Standard for Fermented Milks (Joghurt: zwei definierte Kulturen; Kefir: knollenbasierte Kultur) — https://www.fao.org/input/download/standards/400/CXS_243e.pdf
  3. Swissmilk – Joghurt selber machen? (Reifetemperatur 42 bis 45 Grad) — https://www.swissmilk.ch/de/rezepte-kochideen/tipps-tricks/joghurt-selber-machen/
  4. Kefir and Its Biological Activities (Fermentation bei 20 bis 25 Grad, Bakterien und Hefen, Kohlensäure und Ethanol) – PMC / NCBI — https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8226494/

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Häufige Fragen

Ist Kefir dasselbe wie Joghurt?
Nein. Beide entstehen durch Fermentation von Milch, aber Kefir wird mit Kefirknollen aus vielen Bakterien und Hefen hergestellt, während Joghurt mit nur wenigen gezielten Milchsäurebakterien arbeitet. Kefir ist dünnflüssiger, spritziger und kulturenreicher.
Wie viele Kulturen stecken in Kefir im Vergleich zu Joghurt?
Lebendige Milchkefirknollen tragen je nach Herkunft rund 30 bis 50 verschiedene Bakterien und Hefen. Ein klassischer Joghurt wird dagegen mit nur zwei definierten Bakterienkulturen hergestellt, manche Sorten enthalten ein paar weitere.
Schmeckt Kefir wie Joghurt?
Ähnlich, aber nicht gleich. Joghurt ist fest, cremig und mild. Kefir ist dünnflüssiger, frischer, leicht säuerlich und durch die Hefen oft ein wenig spritzig. Über die Gärzeit lässt sich selbstgemachter Kefir zudem milder oder kräftiger steuern.