Kefir bei Laktoseintoleranz: was du wissen musst

Von Alessandro Parini · · 4 Min. Lesezeit

Glas frischer Milchkefir, in das Milch eingegossen wird, auf hellem Holztisch

Du verträgst Milch schlecht, möchtest aber nicht auf alle Milchprodukte verzichten? Dann ist Kefir eine gute Nachricht für dich. Sehr viele Menschen mit Laktoseintoleranz vertragen ihn deutlich besser als Milch: Er ist von Natur aus laktoseärmer, und du hast den Laktosegehalt sogar selbst in der Hand. Wichtig zu wissen ist nur, dass er nicht automatisch ganz laktosefrei ist. Hier kommen die Details, ehrlich und praktisch.

Ist Kefir laktosefrei? Kurz: nein

Durch die Fermentation wird ein Teil der Laktose abgebaut, deshalb ist Milchkefir laktoseärmer als Frischmilch. Vollständig laktosefrei wird er dadurch aber nicht: Im fertigen, gereiften Milchkefir bleiben immer Spuren von Laktose. Als "laktosefrei" darf ein Produkt erst bezeichnet werden, wenn es unter 0,1 g Laktose pro 100 g liegt, und diesen Wert erreicht gewöhnlicher, selbstgemachter Milchkefir nicht zuverlässig ohne Labortest[4].

Sei deshalb vorsichtig mit Aussagen wie "Kefir ist zu 99 Prozent laktosefrei". Solche Zahlen stammen meist von einzelnen Herstellern und bestimmten Verfahren und lassen sich nicht auf jeden hausgemachten Kefir übertragen.

Was bei der Fermentation mit der Laktose passiert

Die Kefirknollen sind eine Gemeinschaft aus Milchsäurebakterien und Hefen. Diese Mikroorganismen nutzen Laktose, den Milchzucker, als Nahrung. Das Enzym β-Galactosidase (Laktase) spaltet die Laktose in die einfacheren Zucker Glucose und Galactose, die weiter zu Milchsäure abgebaut werden. Genau das macht Kefir säuerlich[3].

Wie viel Laktose übrig bleibt, hängt stark von der Fermentationsdauer ab. Als grobe Orientierung (die Werte schwanken je nach Bedingungen):

  • Milch als Ausgangspunkt: rund 4,7 g Laktose pro 100 ml.
  • Nach rund 24 Stunden: oft etwa 2,5 bis 3,5 g pro 100 ml.
  • Nach rund 48 Stunden: teils nur noch etwa 1,5 bis 2,5 g pro 100 ml.

Eine ehrliche, konservative Faustregel ist: bis zu rund 30 Prozent weniger Laktose als Milch, bei längerer Fermentation auch deutlich mehr. Eine einzelne, immer gültige Zahl gibt es nicht[2].

Warum viele Betroffene Kefir besser vertragen

Dass viele Menschen mit Laktoseintoleranz Kefir besser vertragen als Milch, hat zwei Gründe, die zusammenspielen: Erstens den geringeren Laktosegehalt, zweitens die lebenden Kulturen mit Laktase, die helfen können, Laktose im Verdauungstrakt aufzuspalten. Eine kleine, ältere Studie mit Personen mit Laktosemaldigestion deutete in diese Richtung[1].

Trotzdem gilt: Das ist eine Beobachtung für viele, kein Versprechen für alle. Die Verträglichkeit ist individuell und hängt von der Stärke deiner Intoleranz, der Fermentationsdauer, der Portionsgrösse und davon ab, ob du Kefir zu einer Mahlzeit nimmst. Wer stark intolerant ist, kann auch auf Kefir reagieren.

Kefir laktosearm oder (nahezu) laktosefrei selber machen

Du hast den Laktosegehalt selbst in der Hand:

  • Länger fermentieren. Mehr Säure bedeutet weniger Restzucker. Lass den Kefir 2 bis 3 Tage statt nur einen Tag reifen.
  • Zweite Fermentation. Den abgesiebten Kefir verschlossen bei Zimmertemperatur noch einige Tage nachreifen lassen (1- bis 2-mal täglich schütteln), dann kühl stellen. Das senkt die Laktose weiter und macht ihn spritziger.
  • Laktosefreie Milch verwenden. Die zuverlässigste Variante für (nahezu) laktosefreien Milchkefir.
  • Wasserkefir wählen. Auf Zuckerwasser angesetzt, von Natur aus ohne Milch und ohne Laktose.

Ein ehrlicher Hinweis: Längeres Fermentieren reduziert die Laktose, garantiert ohne Laboranalyse aber kein "laktosefrei".

Kefir oder Joghurt bei Laktose?

Beide profitieren von der Fermentation. Kefir reduziert die Laktose häufig stärker als Joghurt, weil zusätzlich Hefen mitfermentieren, je nach Herstellung. Wenn dich der grundsätzliche Unterschied interessiert, lies Unterschied Kefir und Joghurt.

Woran du merkst, ob du Kefir verträgst

Weil die Verträglichkeit so individuell ist, lohnt sich ein kleiner, ehrlicher Selbsttest, statt auf pauschale Versprechen zu vertrauen. Trinke an einem ruhigen Tag eine kleine Menge gut durchfermentierten Kefir, am besten zu einer Mahlzeit, und beobachte die nächsten Stunden. Typische Zeichen, dass dir die Laktose zu schaffen macht, wären Blähungen, Bauchgrummeln oder ein Völlegefühl. Bleibt alles ruhig, kannst du die Menge über die nächsten Tage langsam steigern. Reagierst du deutlich, hilft es, den Kefir länger zu fermentieren, auf laktosefreie Milch umzusteigen oder auf Wasserkefir auszuweichen. Bei starker Intoleranz oder Unsicherheit ist eine Ernährungsfachperson oder deine Ärztin, dein Arzt die richtige Adresse.

Klein anfangen und ausprobieren

  • Mit einer kleinen Menge starten, etwa 30 bis 50 ml, und beobachten, wie dein Körper reagiert.
  • Zu einer Mahlzeit trinken, das kann die Verträglichkeit verbessern.
  • Langsam steigern über Tage und Wochen statt sofort ein grosses Glas.
  • Auf deinen Körper hören. Verträglichkeit ist individuell. Wenn es dir nicht bekommt, reduziere wieder.
  • Bei starker Laktoseintoleranz oder Unsicherheit den Verzehr mit deiner Ärztin, deinem Arzt oder einer Ernährungsfachperson besprechen.

Quellen

  1. Hertzler & Clancy (2003): Kefir improves lactose digestion and tolerance in adults with lactose maldigestion, Journal of the American Dietetic Association — https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0002822303002074
  2. Milk kefir: nutritional, microbiological and health benefits, Nutrition Research Reviews (Cambridge University Press) — https://www.cambridge.org/core/journals/nutrition-research-reviews/article/milk-kefir-nutritional-microbiological-and-health-benefits/1393DC2B8E5F08B0BE7BD58F030D387B
  3. β-Galactosidase und laktosearme Milchfermentation (Übersicht, PMC) — https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC12739383/
  4. Swissmilk: Schweizer Kefirhttps://www.swissmilk.ch/de/nachhaltigkeit/milchprodukte/schweizer-kefir/

Selbst gemacht: du steuerst die Laktose

Der grosse Vorteil von selbstgemachtem Kefir: Über die Fermentationsdauer und die Wahl der Milch bestimmst du selbst, wie laktosearm dein Kefir wird. Wie das Schritt für Schritt geht, zeigt unsere Anleitung zum Milchkefir selber machen. Die passenden lebendigen Knollen findest du hier: Bio Kaukasische Milchkefirknollen (15 g), frisch aus eigener Produktion in Liestal, für CHF 25.

Häufige Fragen

Ist Kefir laktosefrei?
Nein. Durch die Fermentation wird ein Teil der Laktose abgebaut, deshalb ist Milchkefir laktoseärmer als Frischmilch. Spuren von Laktose bleiben aber immer enthalten. Als laktosefrei gilt ein Produkt erst unter 0,1 g Laktose pro 100 g, und das erreicht gewöhnlicher Milchkefir nicht zuverlässig.
Wie viel Laktose hat Kefir?
Das hängt stark von der Fermentationsdauer ab. Milch enthält rund 4,7 g Laktose pro 100 ml. Nach etwa 24 Stunden Fermentation sind es im Milchkefir oft noch rund 2,5 bis 3,5 g, nach längerer Fermentation entsprechend weniger. Eine konservative Faustregel lautet: bis zu rund 30 Prozent weniger Laktose als Milch.
Vertrage ich Kefir, wenn ich keine Milch vertrage?
Viele Menschen mit Laktoseintoleranz vertragen Kefir besser als Milch, weil er weniger Laktose enthält und lebende Kulturen mit dem Enzym β-Galactosidase mitbringt. Garantiert ist das aber nicht: Die Verträglichkeit ist individuell und hängt von der Stärke deiner Intoleranz, der Fermentationsdauer und der Menge ab.
Wie mache ich Kefir laktosearm oder laktosefrei?
Für weniger Laktose hilft längeres Fermentieren oder eine zweite Fermentation. Wirklich (nahezu) laktosefrei wird Kefir, wenn du laktosefreie Milch als Basis verwendest, oder du wählst Wasserkefir, der von Natur aus keine Milch und keine Laktose enthält.
Ist Wasserkefir laktosefrei?
Ja. Wasserkefir wird auf Zuckerwasser angesetzt, enthält keine Milch und damit keine Laktose. Er ist eine Option für alle, die Milchprodukte ganz meiden möchten.
Kefir, Joghurt oder Quark: was hat am wenigsten Laktose?
Alle drei enthalten durch die Verarbeitung weniger Laktose als Frischmilch. Kefir reduziert die Laktose oft stärker als Joghurt, weil zusätzlich Hefen mitfermentieren, je nach Herstellung. Gereifter Hartkäse ist von Natur aus sehr laktosearm. Eine pauschale Rangliste gibt es aber nicht, weil es stark von Herstellung und Reifung abhängt.
Kann Kefir die Laktoseverträglichkeit verbessern?
Es gibt Hinweise, dass die lebenden Kulturen mit ihrem Enzym β-Galactosidase die Verdauung von Laktose unterstützen können. Das ist eine Unterstützung der Verdauung, keine Heilung der Laktoseintoleranz, und die Wirkung ist individuell verschieden.